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Peter Orzechowski

Nahost: Der nächste Krieg steht vor der Tür

Auch nach einem möglichen Ende des Syrien-Krieges wird der Mittlere Osten nicht zur Ruhe kommen. Denn zu viele Menschen hängen dort am selben Tropf: den großen Strömen Euphrat und Tigris und vor allem dem Nil. Es wird also in naher Zukunft zu Verteilungskriegen ums Wasser kommen. Schon heute bilden sich militärische Allianzen.

 

Der Schriftsteller Günter Grass hat – ein halbes Jahr vor seinem Tod – Ende Dezember 2014 in einem Interview gewarnt: »Zu den Hungersnöten, die provoziert werden, obwohl Nahrung für alle da ist, kommt die Wasserknappheit, die Klimaveränderung. Es findet alles gleichzeitig statt. Der Dritte Weltkrieg hat schon begonnen – und es ist ein Verteilungskrieg. Historiker werden im Nachhinein darüber streiten, wann genau er anfing.«

 

 

 

 

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In der Tat ziehen derzeit gleich mehrere Verteilungskriege im Mittleren Osten auf – wegen Wasser. Da ist einmal der Konflikt um die Flüsse Euphrat und Tigris, über deren Nutzung Syrien, der Irak und die Türkei streiten. Und da ist das Pulverfass am Horn von Afrika, wo sich schon Militärallianzen bilden, um die Rechte um das Nilwasser zu erzwingen.

 

Der Kampf um Euphrat und Tigris

Eine Dürre und die Kurzsichtigkeit der Politiker hatten 2011 in Ostsyrien im Euphrat-Tal Massenproteste provoziert, die wenige Zeit später – von den USA, der Türkei und einigen Golfmonarchien unterstützt – in einen gesamtnationalen Aufstand mündeten. Der anschließende Bürgerkrieg verwandelte die Wasserinfrastruktur des Landes in Ruinen. Im benachbarten Irak ein ähnliches Bild: 15 Jahre Krieg und Zerstörung seit dem Einmarsch der USA in das Land haben auch für Bagdads Wasserwirtschaft katastrophale Folgen.

Lediglich der Türkei ist es in dem nahöstlichen Länderdreieck gelungen, sich die Macht über Wasserressourcen zu sichern: 22 Staudämme und 19 Wasserkraftwerke sollen im sogenannten Südostanatolien-Projekt (GAP) gebaut werden. Das Problem ist nur, dass die Staudämme rund die Hälfte der Wassermassen zurückhalten werden, die gegenwärtig noch in die Nachbarländer Syrien und Irak fließen. Allein schon die gewaltige Wasserverdunstung der Stauseen reduziert das Flusswasser erheblich, zudem tragen die Flüsse weniger Schwemmland mit sich. Dass eine syrisch-irakische Wasserstrategie fehlt, spielt der Türkei in die Hände. Ankara ist es gelungen, die Kontrolle über die Flüsse Euphrat und Tigris zu festigen. Die türkische Führung sieht sich auch berechtigt, mehr Wasser aus den beiden Strömen zu nutzen als die Nachbarn, weil die türkischen Böden fruchtbarer seien.

 

 

Natürlich ist ein Wasserkonflikt zwischen Syrien, Irak und der Türkei derzeit wenig wahrscheinlich, aber wenn die beiden schiitisch dominierten Staaten ihre innere Ordnung wiederhergestellt haben, werden sie sich möglicherweise auf eine Allianz gegen die sunnitische Türkei einigen, um ihr das Monopol auf das Wasser von Euphrat und Tigris zu entziehen.

Die Dringlichkeit des Problems zeigt sich besonders in diesem Jahr, wo eine mörderische Dürreperiode die Landwirte im Irak um ihre Existenz fürchten lässt. Der geringe Wasserstand der Flüsse Tigris und Euphrat hat den Anbau von Reis, Getreide, Baumwolle, Sonnenblumen und Bohnen gestoppt. Viehhaltung ist wegen Wassermangels kaum mehr möglich. Viele Tiere verdursten, und nur Viehhalter, die auf bewässerte Gebiete ausweichen können, haben die Möglichkeit zu überleben. Schon sind neue Migrationsbewegungen zu beobachten. Denn ohne ausreichende Trinkwasserversorgung und gesicherte Landwirtschaft ist ein Leben in dieser Region kaum mehr erträglich. Laut irakischem Landwirtschaftsministerium ist im Vergleich zu 2017 die Hälfte der Anbauflächen des Landes wegen der anhaltenden Dürre nicht mehr nutzbar.

 

Aber auch Dämme im Iran und in Syrien senken die Wassermengen, sodass nun bei Basra, dem »Venedig des Ostens«, wegen des niedrigen Wasserstands zunehmend Salzwasser eindringt. Schon jetzt gibt es deswegen in der Provinz Basra fast kein landwirtschaftlich nutzbares Land mehr.

 

Wasserkrieg am Horn von Afrika?

Noch dramatischer sieht es am Horn von Afrika aus. Die Staaten dieser Region hängen alle am Tropf des Nils, des mit fast 7000 Kilometern längsten Flusses der Erde. Ägypten beansprucht seit jeher die Gewässer für sich. Aber bedingt durch das rasche Anwachsen der Bevölkerung in Äthiopien und dem Sudan hat sich der Wasserbedarf der beiden Länder in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt. Dazu kommen die lang anhaltenden Dürreperioden der letzten Jahre. Die äthiopische Regierung begann daher mit dem Bau des »Grand Renaissance« Damms am Blauen Nil.

Ägypten schickte Truppen nach Sawa, einem Militärstützpunkt des Verbündeten Eritrea an der Grenze zum Sudan. Dieser südliche Nachbar von Ägypten ist wiederum mit der Türkei verbündet. Militärexperten vermuten, dass die türkische Marine gerade einen Stützpunkt auf der sudanesischen Insel Suakin nahe Port Sudan errichtet. Das Pikante daran ist, dass die USA den Sudan immer noch auf ihrer Schurkenstaaten-Liste haben. Noch Ende November 2017 hatte der sudanesische Präsident Omar al-Bashir gegenüber seinem russischen Amtskollegen geklagt, die USA wollten sein Land in fünf Teile aufteilen, Eritrea sei dabei Washingtons Vollzugsgehilfe. Die zwei verfeindeten Allianzen, Ägypten/Eritrea und Äthiopien/Sudan, suchen inzwischen weitere Verbündete. Die USA, Israel, Saudi-Arabien und die Vereinigten Emirate stehen hinter Ägypten. Äthiopien und der Sudan werden von Katar und der Türkei unterstützt.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Kopp Exklusiv.

 

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