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Fünf Gründe, warum Annalena Baerbock nicht Kanzlerin wird

Annalena Baerbock hat einen kometenhaften Aufstieg hingelegt bis hin zur Kanzlerkandidatin der deutschen Grünen. Doch sie erlebt das Drama des begabten Kindes: Sie wollte zu viel, und das zu schnell. Ihre Bewerbung ist eine Bauchlandung.

Politik kann erbarmungslos sein, niemand erlebt dies intensiver als Annalena Baerbock. Vor wenigen Wochen galt die grüne Kanzlerkandidatin noch als ernstzunehmende Herausforderin des Favoriten Armin Laschet; wählbar nicht nur für die Anhänger ihrer Partei, sondern auch für alle Freunde der Demokratie, die nach 16 Jahren Herrschaft der Union einen Machtwechsel eigentlich für überfällig halten. Inzwischen geht es aber nicht mehr um Baerbocks politische Vorstellungen und die Positionen ihrer Partei, sondern nur noch um eines: um ihre Person und ihre Fehler.

Die Beschäftigung mit den Charaktereigenschaften einer Kandidatin ist in jedem Wahlkampf legitim. Natürlich versuchen alle Bewerber, dies nach Kräften zu verhindern, denn jeder Mensch hat seine unaufgeräumten Ecken, die er nicht allzu grell ausgeleuchtet sehen möchte.

Kontrolle der Botschaften ist daher die oberste Maxime für jeden Wahlkämpfer. Uneheliche Kinder, heimliche Liebschaften, alles, was eine sich moralisch überlegen dünkende Wählerschaft befremden könnte, gehört vor Beginn der Kampagne auf den Tisch – und alle verjährten Verfehlungen wie die verlorenen Klausuren des Armin Laschet.

Plötzlich ist sie die Schummlerin vom Dienst

 

Gegen diese goldene Regel hat Baerbock mehrfach verstossen. Sie versäumte nicht nur, die Übertreibungen in ihrem Lebenslauf und in ihrer akademischen Vita, eigentlich lässliche Sünden, rechtzeitig und stillschweigend zu korrigieren. Sie verschaffte ihren Gegnern zudem Munition im Überfluss, indem sie zum Wahlkampfbeginn ein mit heisser Nadel gestricktes Buch vorlegte.

Wie viele hastig zusammengeschusterte Werklein ist auch dieses eine Fundgrube für selbsternannte Plagiatsjäger. Nun steht die Kanzlerkandidatin als Schummlerin vom Dienst da. Dieses Etikett wird sie kaum mehr los. Es schiebt sich vor alles, was dieser Politikerin wichtig ist: die radikale Bekämpfung des Klimawandels, ein grenzenloses Europa oder die grosszügige Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten. Dies ist der erste Grund, weshalb Baerbock keine Chancen mehr hat, ins Kanzleramt einzuziehen, und sich mit Platz zwei begnügen muss.

 

Klare Mehrheit hält Baerbock für nicht kanzlertauglich

Der zweite Grund lautet, dass die Parteichefin der Grünen unfreiwillig eine Mechanik in Bewegung setzte, die jeden Wahlkampf infantilisiert und allen Wahlkämpfern mit komplexen Botschaften schadet. Die relevanten Themen, wie die rapide wachsenden Sozialausgaben und die Schieflage des Rentenwesens, sind kompliziert. Daher ist die Verführung für Medien und Kandidaten gross, auf Pseudothemen auszuweichen.

So konnten sich die Medien nicht genug echauffieren, als der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Rudolf Scharping 1994 brutto und netto verwechselte. In den Jahren des erschöpften Stillstands nach der Wiedervereinigung schien es nichts Wichtigeres zu geben.

Gerhard Schröder bediente sich der Mechanik ganz bewusst, indem er 2005 Merkels Schattenminister Paul Kirchhof als weltfremden «Professor aus Heidelberg» karikierte, der angeblich den Chefarzt steuerlich nicht mehr belasten wollte als die Krankenschwester. Das war nur halbwahr, erledigte aber Merkels vernünftige Ideen für eine Steuerreform gründlich. Die Herausforderin gewann nur knapp gegen den angeschlagenen Amtsinhaber, obwohl diesem der Streit um Hartz IV und die Spaltung der SPD massiv zusetzten.

Es sind die Kleinigkeiten, an denen Kandidaten scheitern

 

Merkels damalige Steuerpläne wirken geradezu simpel gegenüber den Vorstellungen der Grünen für einen grossen Reset in der Klimapolitik. Wer vorgibt, die wirklich dicken Bretter bohren zu wollen, und damit seine Wähler verschreckt, braucht eine Kandidatin, die mit einem charismatischen oder zumindest sympathischen Wesen punktet und so Ängste zerstreut. Niemand braucht eine Schummlerin vom Dienst.

Wenn es einmal nur noch um die Person und nicht mehr um die Sache geht, werden auch Kleinigkeiten bedeutsam. Sobald sich Kleinigkeiten zu Vorurteilen verfestigen, hat jeder Bewerber verloren. Das ist der dritte Grund, weshalb Baerbock hinter den Erwartungen zurückbleiben wird. In einem unterdessen notorischen Interview mit dem Co-Vorsitzenden Robert Habeck erklärte sie, sie komme vom Völkerrecht und er vom Bauernhof.

Die Frau mit dem kommunen Studienabschluss grinste dazu siegesgewiss, der Doktor der Philosophie lächelte gequält. Das war kein echter Fauxpas, wirkte aber sehr unsympathisch. Vor allem entwickelt der unglückliche Satz ein Nachleben, seit Baerbocks Abschreiberei ruchbar wurde. Ihr haftet nun der Ruf der Hochstaplerin an, obwohl nichts, wirklich nichts, was man ihr vorwirft, richtig Gewicht besitzt.

Arroganz, wie sie Baerbock in dem Interview aufblitzen liess, muss man sich leisten können. Joschka Fischer hielt sich schon vor seiner Zeit als Aussenminister für Henry Kissingers legitimen und vermutlich einzigen Erben. Er liess das seine Gesprächspartner fühlen. Zugleich bestach er nicht nur durch ein umfangreiches aussenpolitisches Wissen, sondern war und ist auch ein origineller Denker. Fischer kann sich Arroganz leisten.

Baerbock könnte nach dem Amt der Aussenministerin greifen, wenn ihre Partei nach der Wahl eine Koalition mit CDU und CSU bildete. Sie hat sich schon in der Vergangenheit zu aussenpolitischen Fragen geäussert. Ihr Hintergrund als frühere Mitarbeiterin einer grünen Europaabgeordneten und als Mitglied im europapolitischen Ausschuss des Bundestags prädestiniert sie dafür.

Was Baerbock zur Aussenpolitik sagt, ist fachkundig. Nie aber scheint Fischers Kissinger-Moment durch, die virtuose Beherrschung des Dossiers. Der Widerspruch zwischen ihren soliden Auftritten und ihrem übergrossen Selbstbewusstsein ist der vierte Grund, warum sie nicht Kanzlerin wird. Die meisten Politiker fahren am besten, wenn sie ihren Ehrgeiz verbergen.

Soll Robert Habeck übernehmen?

 

Der fünfte Grund: Eine angehende Kanzlerin sollte hinlänglich volksnah wirken. Volkstümlichkeit ist bei Spitzenpolitikern zwar eine fragwürdige und ziemlich künstliche Angelegenheit. Umso mehr beherzigten die letzten drei deutschen Kanzler die Maxime. Der promovierte Historiker Helmut Kohl betonte seine pfälzische und in Massen provinzielle Herkunft. Während ihn seine Gegner als «Birne» mit plump-lächerlichem Dialekt verspotteten, betrachtete Kohl dieses Image als Stärke.

Schröder liess sich zwar als «Genosse der Bosse» mit Brioni-Anzug und dicker Zigarre feiern. Er grölte aber auch: «Hol mir mal ’ne Flasche Bier, sonst streik ich hier.» Merkel wiederum pflegt das Understatement, unaufdringlich gewürzt mit einer Prise Ironie und Selbstironie. Die Christlichdemokratin und der Sozialdemokrat unternahmen einiges, um nicht als abgehoben zu erscheinen.

Die Maxime gälte besonders für die Grünen, die seit je im Verdacht stehen, eine Partei für elitäre und zugleich sauertöpfische Asketen zu sein. Annalena Baerbock ging jedoch einen anderen Weg. Sie liess ihr Studium bombastischer erscheinen, als es war, stilisierte sich zur Völkerrechtlerin – und dann die Krönung: ein Buch, halb Autobiografie einer 40-Jährigen, halb politisches Programm.

 

Grüne seit Mitte Mai im Abwärtstrend

Die Selbstdarstellung war aufgesetzt bildungsbürgerlich und sollte kaschieren, dass die Bewerberin ihr Berufsleben nur im grünen Orbit verbracht hatte: eine Parteisoldatin, gestählt und gehärtet in der hermetischen Welt der Parteigremien.

Baerbock hat den Moment verpasst, das auf Selbsterhöhung zielende Marketing durch ein bescheideneres Auftreten zu korrigieren. Das verdeutlicht ihr eigentliches Problem. Vor zwei Jahren nur Insidern bekannt, greift sie heute nach dem Kanzleramt. Es fehlt die Reifephase, die auch eine Zeit der Niederlagen und der Bewährung ist. Alles musste schnell gehen, der Aufstieg, die Kandidatur. Das schludrige Buch passt in diese überambitionierte Parforcetour. Es ist das Drama jedes begabten Kindes, das zu viel auf einmal will und deswegen unter seinen Möglichkeiten bleibt.

Woher sollen bei alldem Gelassenheit und Übersicht kommen? Auch deshalb irritieren Baerbocks Auftritte. Man weiss nie, woran man bei ihr ist. Mal gibt sie sich als souveräne Politikerin, die Europas Vormacht führen will, mal als frecher Jungstar, der sich nach oben kämpft. Am Schluss bleibt das Bild einer unfertigen Kandidatur.

Schon steht die Frage im Raum, ob sie zugunsten Habecks verzichten soll. Der Vorschlag ist schräg, weil Kanzlerkandidaten keine nach Belieben austauschbare Dutzendware sind. Aber nichts illustriert besser als das, in welche Sackgasse sich die Grünen manövriert haben.

 

 

 

Quelle: Neue Zürcher Zeitung

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